
Düsseldorf/Bielefeld (dpa/WB/tho). Als Reaktion auf Elternproteste hat NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) die Lehrer aufgefordert, ihren Unterrichtsstoff zu entrümpeln. Bildungsexperten nannten den Vorstoß populistisch.
»Wir wollen selbstverständlich nicht, dass Schüler jetzt in zwölf Jahren den Stoff von 13 Jahren abarbeiten«, sagte Sommer im Hinblick auf Klagen bezüglich des G8-Abiturs. Bei der Verminderung der Hausaufgabenlast setzt Sommer auf die Eigeninitiative der Schulen: Die Lehrer sollten sich »ein bisschen disziplinieren« und nicht in jedem Fach unendlich viel Hausaufgaben aufgeben, sagte sie.
Seit dem Schuljahr 2005/2006 sind alle Gymnasien in NRW auf acht Jahre Schulzeit umgestellt worden. Die Inhalte seien deutlich reduziert worden, bekräftigte Ministeriumssprecher Thomas Breuer. Problematisch sei aber, dass es an der Umsetzung mangele und viele Lehrer noch Schwierigkeiten hätten, Lieblingsthemen loszulassen, sagte Breuer. Dieses Problem sei über alle Jahrgänge hinweg vorhanden. Breuer verwies gegenüber dieser Zeitung auf den NRW-Hausaufgabenerlass, wonach die Erledigung in folgender Zeit möglich sein müsse: für die Klassen 1 und 2 in täglich 30 Minuten, für die Klassen 3 und 4 in 60 Minuten, für die Klassen 5 und 6 in 90 Minuten sowie für die Klassen 7 bis 10 in 120 Minuten.
Um die Hausaufgabenlast zu senken, seien bereits viele Schulen dazu übergegangen, mehr Doppel- statt Einzelstunden zu unterrichten. Dadurch vermindere sich die Zahl der täglich unterrichteten Fächer und damit auch die Hausaufgabenfülle.
Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologen-Verbandes NRW, sagte dieser Zeitung, es sei »natürlich nicht zutreffend, dass die Belastungssituation der Schüler von Lehrern verursacht wird«. Vordergründige populistische Schuldzuweisungen seien unangebracht. Die Politik müsse vielmehr konkret angeben, wo Stoff gestrichen werden solle. Dass manche Lehrer an Lieblingsthemen festhielten, sei »zutreffend, aber kein böser Wille«. Eltern könnten durch Gelassenheit zum Fortkommen ihrer Kinder beitragen. Auch wenn sich die Rolle der Hausaufgaben gewandelt habe, könne man nicht von morgen an auf sie verzichten. Silbernagel sagte: »Die Schulzeitverkürzung ist logistisch und organisatorisch durchaus durchdacht, aber im Pädagogischen völlig unzureichend unterfüttert.«
Die Vizevorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW, Dorothea Schäfer, bezeichnete Sommers Aufforderung als »frechen Vorwurf, der an der Sache vollständig vorbeigeht«. Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung, sagte dieser Zeitung, die Schuldzuweisung aus dem Ministerium könne man nicht akzeptieren. Was hier beklagt werde, ist das Ergebnis dessen, was die Politik den Schulen übergestülpt habe, ohne zu bedenken, welche Konsequenzen das habe. »Eigenverantwortliche Schule heißt nicht, dass die Politik einen Scherbenhaufen hinterlassen kann, den die Lehrer dann eigenverantwortlich wegräumen müssen.«
20.11.2009
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